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Epic Stuff ist für Yuan Lu, Shaolin-Meister und Leiter des Shaolinzentrums Schorndorf, das Ergebnis von Fokus. Auch wenn am Ende stets das Machen zählt, stehen am Anfang Fokus und Konzentration. Daher verdient jedes Vorhaben, von dem wir wollen, dass es gut wird, unsere volle Aufmerksamkeit.

Der Shaolin-Meister Yuan Lu lebt und lehrt seit zwölf Jahren in Deutschland. Im baden-württembergischen Schorndorf betreibt er ein Shaolin-Zentrum. Es ist ein heißes Sommerwochenende, als wir uns treffen. Meine Frau ist mit nach Schorndorf gefahren, und zu dritt suchen wir uns als Erstes ein schattiges Plätzchen mitten in der Natur. Von hier aus haben wir einen fantastischen Blick in ein idyllisches Tal. Yuan Lus orangefarbenes Gewand strahlt mit der Sonne um die Wette. Meine Frau und ich bekommen ein Wasser gereicht, das Yuan Lu mitgebracht hat. Auf der Flasche ist zu lesen: »Blume des Lebens – Liebe und Dankbarkeit.«

Was für ein schöner Einstieg! Ich bedanke mich für das Wasser und bitte Yuan Lu, sich doch vielleicht einmal kurz selbst zu beschreiben. Nicht zum ersten und auch nicht zum letzten Mal zeigt sich ein feines, sehr herzliches Lächeln in seinem Gesicht. Dann beginnt er zu erzählen: »Ich bin in China aufgewachsen und vor 23 Jahren zum Shaolin-Tempel gefahren, um dort im Kloster die Shaolin-Künste zu erleben und zu erlernen. Insgesamt habe ich neun Jahre im Kloster gelebt und dort hart trainiert. Die geistige und körperliche Ausbildung hat mein Leben verändert. Ich bin stolz auf das, was ich gelernt habe. Mein Lebensweg war nicht einfach. Aber durch das, was ich gelernt habe, konnte ich alle Schwierigkeiten meistern und mir schließlich in Deutschland eine Existenz aufbauen. Jetzt bin ich hier und genieße mein Leben, die Ruhe, meine Freunde und das Zusammensein mit allen Menschen, denen ich im Alltag begegne.«

 Yuan Lu strahlt eine unglaubliche Ruhe aus, während er spricht. Ich erkläre ihm, dass wir ja hier am Ende ein Business-Buch machen – aber kein gewöhnliches, sondern eines, bei dem es stark um die Menschen hinter dem Business geht und um das Mindset, das sie große Ziele erreichen lässt. Dann erzähle ich ihm auch ein wenig darüber, dass heute viele Unternehmen mehr Menschlichkeit leben und ihre Ziele auf der Grundlage von Wertschätzung erreichen wollen. Sie versuchen, Mitarbeitende mitzunehmen und ihnen zu helfen, sich zu fokussieren, auch wenn täglich eine Flut von Informationen auf sie einströmt. Darum, finde ich, kann man ja überhaupt nicht mehr trennen zwischen dem persönlichen Denken und der Einstellung zum Business. Das eine bedingt das andere. Das ist der Grund, warum Führungskräfte etwas von denjenigen lernen können, die sozusagen Experten für Achtsamkeit sind. Deshalb interessiert mich auch als Erstes, was Achtsamkeit, was Fokus für Yuan Lu persönlich bedeutet.

“Achtsamkeit im Jetzt bestimmt die Zukunft. Wie wir jetzt denken, reden und miteinander umgehen, gestaltet die Zukunft.”

»Achtsamkeit im Jetzt bestimmt die Zukunft«, erklärt Yuan Lu. »Bei allem im Jetzt gilt es achtsam zu sein: wie wir denken, was wir tun, wie wir mit den Menschen und den Dingen umgehen. Der jetzige Moment ist entscheidend für die Zukunft. Wie wir jetzt denken, reden und miteinander umgehen, so wird sich in der Zukunft alles zeigen. So denke ich.« 

Sofort will ich wissen, warum es dabei so wichtig ist, sich zu fokussieren. Kann ich nicht auch alles gleichzeitig machen? »Nein, kann ich nicht«, sagt Yuan Lu. »Es gibt Energie, es gibt das Denken und es gibt den Körper. Ich kann 100 Prozent Energie immer nur in einen einzigen Gedanken investieren. Dieser Gedanke mit dieser Energie geht dann in den Körper und in die äußere Welt. Mit diesem einen Gedanken voller Energie können wir unsere Ziele erreichen. Sonst haben wir immer nur 80 Prozent oder 70 Prozent oder noch weniger. Wir vergeuden Energie. Dann kommen am Ende immer Fehler heraus. Wir haben bei den Shaolin ein Sprichwort, das lautet: ›Wir geben immer das Beste bei dem, was wir in diesem Moment tun.‹ Das ist sehr wichtig.«

Yuan Lu (l.) im Auto mit René Esteban (r., Autor von “Do Epic Stuff!“) und Melanie Esteban

Erreichen denn auch die Shaolin selbst ihre Ziele durch Achtsamkeit im Moment und mit dem Fokus stets nur auf eine Sache? »Ja, denn das gilt immer und für alle Bereiche. Nur wenn wir stark genug konzentriert sind, können wir Erfolg haben. Erfolg ist das Ergebnis von hoher Konzentration, von mentalem Training. Natürlich kommen wir auch ins Handeln, wir dürfen nicht nur reden, sondern müssen viel mehr machen. Nur durch das Machen bauen wir die Zukunft auf und verbessern Dinge für die Zukunft.« Das leuchtet ein. Am Ende kommt es auf die Taten an. Aber am Anfang der Kette stehen Fokus und Konzentration. Mich interessiert, wie Yuan Lu sich persönlich fokussiert. »Ich gehe mit meinen Gedanken ganz hinein in jede Bewegung, in alles, was ich gerade tue«, erklärt er. Tja, das klingt so einfach und ist doch wohl die ganz große Kunst! Gibt es noch etwas? »Ich gebe immer das Beste«, sagt Yuan Lu. Und ich spüre: Wenn er sagt, »immer«, dann meint er immer. »Ich gebe auch nicht so schnell auf«, fährt Yuan Lu fort. »Ich glaube, dass unsere Gedanken stärker sind als unser Körper. Wenn unsere Gedanken stark genug sind, dann wird unser Körper das tun, was wir denken.«

“Wenn man Liegestützen machen will, dann macht man am besten Liegestützen. Man kann nicht gleichzeitigt hüpfen.”

Was Yuan Lu bisher gesagt hat, kann man meiner Meinung nach sehr gut auf den Business-Alltag übertragen. Wir haben ja alle nur einen Geist und einen Körper. Menschen im Business überfordern sich heute ständig, weil sie Hunderte von Sachen gleichzeitig machen und glauben, alles sei gleich wichtig. Dann gibt es immer noch ein neues Projekt, das unbedingt sein muss, und dann dies noch und das noch. Es hört gar nicht mehr auf. Arbeiten, arbeiten, arbeiten, bis die ganze Energie raus ist aus dem Geist und aus dem Körper. Statt die Energie zu bündeln auf eine Sache und sie dann gut zu machen, wird die Energie auf viel zu viele Sachen verteilt. Yuan Lu nickt und sagt: »Ganz meine Meinung. Wenn man zu viele Projekte hat, kann das auf keinen Fall gutgehen. Jedes Projekt, jede Sache, von der wir wollen, dass sie gelingt, braucht die nötige Energie und geistige Konzentration. Wenn wir immer viele Dinge auf einmal tun, dann sind wir ständig abgelenkt. Wir sind mit unseren Gedanken mal hier, mal da, mal dort. Wenn wir aber gleichzeitig drei Dinge im Kopf haben, dann laufen alle drei am Ende schief. Bei körperlichen Übungen versteht das jeder. Jeder weiß, wenn er Liegestützen machen will, dann kann er nur Liegestützen machen. Man kann nicht gleichzeitig hüpfen, das geht nicht.«

Yuan Lu praktiziert traditionelle Shaolinkunst

Aber bei unseren Gedanken glauben wir, dass es geht mit der Gleichzeitigkeit. Dabei gehen die Gedanken in den Körper und in die materielle Welt, wie Yuan Lu bereits erklärt hat. »Es gibt eine Spannung zwischen Geist und Körper«, erklärt er. »Wenn wir den Bauch trainieren wollen, dann konzentrieren wir auch unsere Gedanken auf den Bauch. Nur so funktioniert das Training. Genauso ist es bei einem Projekt. Klar ist es für den Chef ganz oben immer besser, wenn 10 oder 20 Menschen statt eines einzelnen Menschen etwas machen. Das spart Zeit und Geld. Aber am Ende ist die Qualität bedroht und ist der Mensch bedroht. Alles geht kaputt, und wir haben gar nichts mehr.« Ganz viele Manager denken ja: Mehr ist mehr. Yuan Lu schüttelt den Kopf. »Das ist ein ganz schlechter Gedanke. Ich bin gut im Shaolin. Aber ich kann nicht überall gut sein. Ich bin gut in dem, worauf ich mich konzentriere. Weil alles Erfahrung braucht und Zeit, sich weiterzubilden und weiterzuentwickeln. Man kann nicht in vielen Dingen gleichzeitig erfolgreich sein.«

Okay, wenn die Leser und Leserinnen jetzt sagen, das stimmt, das ergibt einen Sinn für mich, ich will mich mehr fokussieren: Wo fangen sie an? »Auf jeden Fall zu Hause und nicht erst im Büro«, rät Yuan Lu. »Eltern reden heute mit Kindern, aber es passiert gar nichts, die Kinder reagieren nicht. Weil die volle Aufmerksamkeit für die Kinder gar nicht da ist. Manchmal schauen Eltern den Kindern nicht einmal in die Augen, wenn sie mit ihnen reden. Das ist nur ein Beispiel. Man sollte im Alltag immer achtsam sein, mit wem man redet und wie und worüber. Am besten frage ich mich immer wieder, den ganzen Tag hindurch: Was mache ich jetzt gerade? Was ist mein Ziel dabei? Diese Frage ist wie ein Werkzeug. Man sollte zu jedem Zeitpunkt wissen, was man gerade tut und warum man es tut. So kommt Achtsamkeit ins Spiel. Dann kann sich das weiterentwickeln. Irgendwann wird die Konzentration immer besser und die Zukunft klarer.«

Ich frage mich, warum sich nicht längst mehr Menschen auf diesen Weg machen. Yuan Lu hat beobachtet, wie viele Menschen heute Druck verspüren und unglücklich sind, sogar seine eigenen Schüler. Der Meister hilft ihnen gerne, aber sein Denken ändern und sich konzentrieren darf dann jeder selbst. Für den Mönch ist Zufriedenheit der große Schlüssel. Wir erwarten oft viel zu viel. Und je mehr wir erwarten, desto eher wird das Ergebnis schlecht, ist Yuan Lu überzeugt. »Wir können zufrieden sein, jetzt und hier zu sein«, sagt er uns zum Abschluss. »Die Gedanken, den Körper, den Moment genießen. So wie wir jetzt hier sitzen. Wir treffen uns an diesem schönen Platz, sitzen hier entspannt, machen ein Interview. Das ist eigentlich ein schöner Moment. Wir genießen das, was jetzt passiert, und das ist im Moment viel wichtiger als das, was später geschehen soll.« Da bin ich hundertprozentig bei ihm. Zufriedenheit in jedem Moment und Dankbarkeit für das, was wir haben. Yuan Lu nickt. »Dankbarkeit, ja, auch die ist wichtig.«

 

Über das Buch

Das Interview ist ein Textauszug aus dem Buch „DO EPIC STUFF! – Führung nach dem Ende des Change-Management“,  erschienen bei Campus Verlag. Fokussierungsexperte René Esteban erklärt zusammen mit Top-Gestaltern der heutigen Unternehmenswelt, wie man gemeinsam große Ziele erreicht. Mehr über das Buch erfahren und direkt bestellen.

Über den Autor

René Esteban ist Gründer und Geschäftsführer des Beratungsunternehmens FocusFirst GmbH. Mit seinem Team unterstützt er Führungskräfte im globalen Konzernumfeld, ihre herausforderndsten Ziele zu erreichen – und gleichzeitig die Unternehmenskultur hin zu mehr Empathie und Menschlichkeit zu entwickeln.

 

Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite

FocusFirst GmbH
René Esteban
Founder, CEO

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