Read article in English

 

Für Walter Gunz, Co-Founder von MediaMarkt, ist Kultur die Weitergabe einer Überzeugung und eine der wichtigsten Taten von Unternehmern und Führungskräften. Denn sobald wir etwas von Herzen tun und es schaffen, diese Passion an Menschen im Team weiterzugeben, ist das wie eine Initialzündung zur Zielerreichung.

In München bin ich mit einem Unternehmer verabredet, der beide kulturellen Perspektiven kennt – die der Neugründung und die des gewachsenen Konzerns. Walter Gunz, Jahrgang 1946, gründete im Jahr 1979 gemeinsam mit drei Geschäftspartnern den ersten MediaMarkt. Als er 20 Jahre später aus der Geschäftsleitung ausschied, war MediaMarkt eine der weltweit größten Handelsketten für Consumer Electronics. Die heutige MediaMarkt-Saturn Retail Group beschäftigt rund 62000 Mitarbeitende und setzt jährlich mehr als 21 Milliarden Euro um.

Unsere Chief of Staff Sonja Weber begleitet mich an einem heißen Sommertag in den gut besuchten Garten eines italienischen Restaurants, um Walter Gunz zu treffen. Das Quecksilber will heute auch bei der Marke von 35 Grad nicht stoppen. Umso mehr freuen wir uns, als wir unseren Interviewpartner treffen und unter einem mächtigen Kastanienbaum das zurzeit wohl schattigste Plätzchen Münchens ergattern. Auf den ersten Blick hatten wir nur Sonnenplätze draußen gesehen und uns schon auf eine buchstäblich heiße Diskussion eingestellt. Jetzt genießen wir das schöne Wetter unter der Kastanie und bestellen uns – passend zur Jahreszeit – erst einmal einen Aperol Spritz. Wir stoßen an, dann bitte ich Walter Gunz, doch vielleicht zunächst ein wenig von sich selbst zu erzählen.

»Es ist schwer, über mich selbst zu sprechen«, gesteht der studierte Philosoph und spätere Vollblutunternehmer, der seine Business-Karriere in den 1970er-Jahren bei Karstadt begann. Aber eine Sache aus seiner Kindheit und Jugend hier in München, wo er bei seiner Mutter aufwuchs, will Walter Gunz uns dann doch verraten: »Ich war ein schlechter Schüler. Auf dem Gymnasium fiel ich meistens unangenehm auf. Meine Lehrer gaben mir zudem ständig das Gefühl, ein Trottel zu sein. Das hat mich dann später im Leben stark motiviert, die Freiheit zu suchen. Diese negativen

Erlebnisse in der Schule waren eine Art Initialzündung für mich. Freiheit wurde zu meinem zentralen Lebensthema. Und so richtig habe ich die Freiheit erst in der Arbeit gefunden. Dabei ging es mir nie allein um meine individuelle Freiheit. Aus der Freiheit heraus habe ich anderen Menschen vertraut. Vertrauen und Anerkennung waren für mich im Betrieb die wichtigsten Elemente überhaupt. Da ich in der Schule immer als der Depp hingestellt worden war, wusste ich, wie sich so etwas anfühlt. Ich wollte nicht, dass Menschen bei mir jemals mangelnde Wertschätzung erleben. Sie sollten anerkannt und geschätzt sein. Aber eben aus der Freiheit heraus, also von Herzen.«

Damit sind wir bereits mitten im Thema Kultur! Heute kennt jeder das Logo von MediaMarkt. Mich interessiert, welche Vision Walter Gunz am Anfang hatte. Wie er das kulturell geschafft hat, etwas aufzubauen, dessen Teil Menschen gerne sein möchten und das sie gemeinsam groß machen wollen. »Das Wichtigste ist, sich nie über die anderen zu erheben«, sagt Walter Gunz, ohne lange nachzudenken. »Immer auf der gleichen Ebene mit den Menschen zu sprechen ist entscheidend. Das ist die Voraussetzung. Und dann ist es die Liebe.« Die Liebe? Wie versteht der Unternehmer das? »Man muss das lieben, was man tut. Seinen Betrieb, die Menschen, mit denen man arbeitet, die Kunden und Lieferanten. Wenn ich etwas von Herzen tue, dann mache ich es richtig. Sind Geld, Erfolg oder Prestige meine Motivation, dann geht es schief. Das war bei mir von Anfang an so. Dazu eine Geschichte: Ich habe bei Karstadt, wo ich bereits für Konsumentenelektronik zuständig war, gekündigt, weil es mir da zu viele Regeln gab, zu viele Kontrolleure, zu viel Einengung. Nach einem halben Jahr habe ich mich mit meinem alten Team in einer Kneipe getroffen. Da sagten die zu mir: ›Wenn Sie wieder was machen, wollen wir dabei sein.‹

“Die Kunst ist, Menschen zu finden, die den Stab weiterreichen und das Vertrauen so schätzen, dass sie es auch anderen schenken.”

Ich weiß noch, wie ich nach Hause fuhr, in dem anthrazitfarbenen BMW, den ich damals hatte, und dachte: In welche Firma kann ich denn zwölf Leute mitbringen? Ich muss mich selbstständig machen! Dann kann ich alle zwölf einstellen. Das war tatsächlich mein Gründungsimpuls, dass ich wieder mit den Menschen, die ich kannte und die Vertrauen in mich hatten, arbeiten wollte.« Eine Kultur des Vertrauens in Menschen war also für Walter Gunz die Basis für alles, was dann später kam? »Ja, Vertrauen, Anerkennung und Liebe. Jeder Mensch möchte geliebt und anerkannt werden. Überhaupt erst einmal erkannt. Erkenntnis ist ein Geschenk, etwas, das eigentlich nicht aus dem Ich entsteht, sondern das uns aus dem Über-Raum sozusagen zufällt.« Bei Walter Gunz kommt der Philosoph immer wieder durch. Er ist wirklich Denker und Macher in einem. Diese zwölf Mitarbeiter sind ihm dann wirklich gefolgt? »Das sind sie. Obwohl wir gar kein Geld hatten. Da waren Alleinverdiener mit Kindern dabei, und auch die sind zum ersten MediaMarkt gekommen. Karstadt hat natürlich alles versucht, um das zu verhindern, denn die wollten ja nicht die ganze Mannschaft verlieren. Aber das Vertrauen, das ich geschenkt hatte und das mir die Menschen wieder zurückgaben, war stärker als alles andere.«

 

Okay, 13 Menschen, die einander vollkommen vertrauen. Starke Geschichte! Aber wie schafft man es dann, diese Kultur beizubehalten? MediaMarkt ist ja rasant gewachsen in den Jahren danach. »Die Kunst ist, Menschen zu finden, die den Stab weiterreichen«, sagt Walter Gunz. »Menschen, die das Vertrauen so sehr schätzen, dass sie es auch anderen schenken. Hinzu kommt etwas, das ich in meinem letzten Buch beschrieben und dort den ›liebenden Blick‹ genannt habe. Jeder Mensch hat ein Potenzial, absolut jeder. Menschen mit einem liebenden Blick anzuschauen heißt, dieses Potenzial zu sehen und den Menschen dann die Möglichkeit zu geben, es zu leben. Indem ich jemandem etwas zutraue, etwas anvertraue, verwirklicht sich gerade durch dieses Vertrauen ein Potenzial. Ich schätze und ehre eine Person und sage ihr: ›Sie machen das jetzt!‹ Und dann weiß diese Person, dass jemand an sie glaubt. Dieser Glaube an Menschen, das ist eine Initialzündung, um Potenziale zu heben und am Ende etwas Großes zu leisten.«

René Esteban (Autor von “Do Epic Stuff!“) und Walter Gunz (Mitgründer von MediaMarkt) in einem Münchner Restaurant

Jetzt bin ich ganz in meiner Welt. Daran glaube ich nämlich auch! Und ich brenne dafür, es Menschen in Unternehmen zu vermitteln. Bei Walter Gunz spüre ich, dass er verkörpert, was er sagt, es von ganzem Herzen lebt. Und Kultur heißt dann für ihn eben auch, diesen Stab weiterzugeben. »Oder diese Fackel«, ergänzt Walter Gunz. »Ich gebe zehn Leuten eine Fackel und bitte sie, das Licht jeweils dorthin zu tragen, wo sie Verantwortung haben. Vertrauen ist etwas Bleibendes, deshalb lässt sich dieses Licht auch so gut weitergeben. Mich rufen heute noch regelmäßig Geschäftsführer von damals an. Vertrauen ist unvergänglich, genauso wie die Liebe. Im Gegensatz zu Geld und Erfolg, die sehr, sehr vergänglich sind. Für mich ist es heute nicht das Entscheidende, ein Unternehmen von Weltgeltung geschaffen zu haben, das an jeder Ecke so einen roten oder blauen Kasten besitzt. Sondern mich erfüllt es innerlich, wenn mir jemand zum Beispiel sagt: ›Als Sie mich damals als Geschäftsführer für Bamberg eingestellt haben, da habe ich mir das schon toll vorgestellt – aber nicht so toll, wie es dann wirklich war.‹ So etwas habe ich schon oft gehört. Und da sage ich mir immer: Walter, was willst du mehr?«

Für Walter Gunz ist Kultur die Weitergabe einer Überzeugung und einer Energie. Dieser »liebende Blick« auf Menschen, was bedeutet der für ihn noch? »Mitarbeitern immer etwas gönnen«, erklärt er. »Ich habe mich stets gefreut, wenn jemand bei mir gutes Geld verdient hat. Als uns Kaufhof dooferweise die Mehrheit abgekauft hatte, kam einer der Vorstände zu mir und regte sich über das Gehalt unseres Filialleiters in Rosenheim auf. Der Mann war kurz vorm Herzkasper und sagte: ›Ich bin Vorstand der Kaufhof AG, und der Typ da in seinem Saftladen in Rosenheim verdient genauso viel wie ich!‹ Er konnte es nicht fassen. Ich habe da immer anders gedacht. Teilen ist für mich etwas sehr Schönes. Wer mit Liebe teilt, der kann multiplizieren. Das ist meine Devise.« Wunderbar! Daran glauben wir bei FocusFirst übrigens auch. Es geht uns niemals um Geld. Das bringt nichts. Das Geld kommt automatisch, weil wir so sind, wie wir sind. Weil wir arbeiten wie mit Freunden. »Ja, genau!«, stimmt mir Walter Gunz zu. Und fügt hinzu: »Jeder Mensch will doch geliebt werden!« Dem Mitgründer von MediaMarkt gelang es, ein Umfeld zu schaffen, das Menschen liebten, weil sie geschätzt wurden und das Management ihnen vertraute.

“Kultur ist am Ende nur das, was man auch in die Tat umsetzt. Alles andere sind bloß schöne Worte.”

Was ist denn nun für den Unternehmer das Wichtigste, wenn man eine so positive Kultur schaffen will? »Handeln«, sagt Walter Gunz. »›Kultur‹, hat mein Professor immer gesagt, kommt von ›Kult‹, und ›Kult‹ kommt von ›Handlung‹. Viele verwechseln Kultur mit einem Gefühl. Aber es ist ein Akt. Liebe und Vertrauen sind auch Akte. Ich schenke Vertrauen, ich erhalte Vertrauen. Das kann von Gefühlen begleitet sein, aber entscheidend ist die Handlung. Bei der Liebe ist es genauso. Liebe kann sich in Emotionen ausdrücken, aber die Emotion ist noch keine Liebe. Auf die Tat kommt es an. Dafür zu sorgen, dass ein Geist überspringt, eine Flamme entzündet wird, das ist dann allerdings auch eine Tat. Sogar eine der wichtigsten für einen Unternehmer.«

 Zum Abschluss komme ich auch mit diesem Gesprächspartner auf das Thema Dankbarkeit. Es ist für mich so enorm wichtig, dankbar zu sein. Auch für Walter Gunz ist Dankbarkeit ein tragendes Element in der Kultur eines Unternehmens. Dankbarkeit gegenüber Mitarbeitenden, Kunden, Lieferanten, einfach gegenüber allen. Und wofür ist der Unternehmer persönlich dankbar? »Dinge in Freiheit tun zu dürfen«, antwortet Walter Gunz nachdenklich. »Denn das ist nicht selbstverständlich. Es gibt Länder, da kommt man ins Gefängnis oder bekommt sogar den Kopf abgehauen, wenn man für die Freiheit einsteht. Also bin ich dankbar für die Freiheit.«

 

Über das Buch

Das Interview ist ein Textauszug aus dem Buch „DO EPIC STUFF! – Führung nach dem Ende des Change-Management“,  erschienen bei Campus Verlag. Fokussierungsexperte René Esteban erklärt zusammen mit Top-Gestaltern der heutigen Unternehmenswelt, wie man gemeinsam große Ziele erreicht. Mehr über das Buch erfahren und direkt bestellen.

Über den Autor

René Esteban ist Gründer und Geschäftsführer des Beratungsunternehmens FocusFirst GmbH. Mit seinem Team unterstützt er Führungskräfte im globalen Konzernumfeld, ihre herausforderndsten Ziele zu erreichen – und gleichzeitig die Unternehmenskultur hin zu mehr Empathie und Menschlichkeit zu entwickeln.

 

Verantwortlich für den inhalt dieser Seite

FocusFirst GmbH
René Esteban
Founder, CEO

www.focus-first.de