Read the article in English   

Martin Stork, Head of Workforce Enablement bei BASF, setzt für große Ziele vor allem auf die Balance von leitender Inspiration und Freiraum zur Gestaltung. Denn eine inspirierende und gleichzeitig raumgebende Führungskraft zieht automatisch die richtigen Leute an – und zwar über Silos hinweg und hochgradig motiviert, das Ziel gemeinsam zu erreichen.

Martin Stork hat die Aufgabe, so um die 120 000 Menschen auf der ganzen Welt für die digitale Transformation zu begeistern. Dazu hat er nur ein kleines Team im klassischen Sinn, das direkt an ihn berichtet. »Klein, aber fein«, wie er selbst sagt, »und bei der langen Liste an Aufgaben und Ideen natürlich nicht ausreichend.« Als Leiter Workforce Enablement ist Martin bei BASF zuständig für die HR-Seite der digitalen Transformation. Sein Job ist es, entlang der gesamten HR-Wertschöpfungskette – von Employer Branding über Recruiting und Onboarding bis hin zur Mitarbeiter- und Führungskräfteentwicklung – Lust auf das digitale Zeitalter zu machen. 

Es gehört zu seinen Aufgaben, eine Transformation in den Köpfen anzustoßen. Er darf Mitarbeitende motivieren, eigene Ideen für die Digitalisierung des Unternehmens einzubringen. Das ist für ihn eine spannende Zeit und sein Job macht ihm viel Spaß, wie er mir versichert. Das nicht zuletzt, weil er es geschafft hat, sein eigentliches Team um weitere Mitstreiter zu erweitern, die zwar nicht klassisch an ihn berichten, aber einfach von der Sache überzeugt sind und deshalb einen Beitrag leisten möchten. Martin ist ein Eigengewächs der BASF, er kam vor 14 Jahren im Rahmen eines dualen Studiums ins Unternehmen und entschied sich dann zu bleiben. Außer im Personalbereich arbeitete er bereits im Controlling und in der IT. Wir treffen uns im »Speicher 7« in Mannheim, das ist ein stylisches und wirklich ausgefallenes Hotel in einem ehemaligen Getreidespeicher am Hafen. Die Bar, an der wir uns niederlassen, hat einen ganz eigenen Stil und erinnert mich spontan an Indonesien. Wir genießen einen tollen Blick auf den Rhein. Am anderen Flussufer erahnt man das gigantische Werksgelände von BASF in Ludwigshafen.

Martin ist für mich das Paradebeispiel eines Leaders, der sich sein Team immer wieder selbst erschafft. Seine Aufgabe ist es, so gut wie alle Mitarbeitenden bei BASF zu erreichen. Die sitzen auf der ganzen Welt verstreut, in unzähligen Bereichen und auf etlichen Hierarchie-Ebenen. Von seinem kleinen Kreis aus engsten Mitarbeitern einmal abgesehen, hat Martin über niemanden wirklich Autorität. Alle reporten an andere Manager. Mit großem Engagement macht Martin trotzdem geniale Sachen mit den Leuten. Ich verfolge das öfters über LinkedIn. Wenn jemand so agiert wie Martin, dann braucht er besondere Qualitäten, Mindsets und Erfolgsstrategien. Manchmal sind es nicht einmal Strategien, sondern einfach kreative und experimentierfreudige Herangehensweisen. Es ist ja nicht gerade ein Spaziergang, Zehntausende in einem Konzern dazu zu bringen, einen Status X besser zu finden als den Status quo und sich auf neue Situationen einzulassen. Wie genau geht Martin in der Praxis vor, um seine Leute mitzunehmen? Womit sorgt er dafür, dass sich alle gern auf die digitale Zukunft einlassen? Das interessiert mich als Erstes.

“Einfach mal schauen, wer Lust drauf hat. Intrinsische Motivation zieht dann fast automatisch die besten Leute an.”

»Menschen mitzunehmen, bedeutet für mich zunächst einmal, dass sie verstehen, was digitaler Wandel für sie selbst bedeutet«, erklärt Martin. »Nur so können sie aktiv dazu beitragen. Das heißt, wir machen das Thema greifbar und nachvollziehbar. Nicht nur in der Theorie, sondern auch praktisch. Wir setzen immer stark auf das Erleben. Es genügt nicht, wenn Menschen im Seminarraum ein Training durchlaufen. Sie müssen alles einmal am eigenen Leib gespürt haben. Dazu nutzen wir verschiedene Formate, denn jeder Mensch erlebt die Dinge anders. Wir setzen zum Beispiel auf Barcamps.« Also auf ein offenes Veranstaltungsdesign, bei dem die Teilnehmenden den genauen Inhalt erst noch selbst festlegen, sich dann intensiv austauschen und schließlich gemeinsam Ergebnisse produzieren. »Richtig. Mitarbeiter kommen in einem Barcamp zusammen und arbeiten dort ausschließlich an eigenen Ideen. An eigenen Ideen! Das macht den Unterschied. Bei solchen Veranstaltungen ist es für mich immer wieder toll zu sehen, wie Leute auch mal zeigen können, was für gute Ideen sie haben und wie sie selbst zum digitalen Wandel beitragen können.«

Das ist ja jetzt noch nicht unbedingt die Regel in einem Corporate. Es werden nach wie vor sehr viele Themen von oben vorgegeben. Nicht jeder Leader traut sich, die Leute einfach mal machen zu lassen. »Ja, und deshalb ist es so toll, die Energie und Dynamik zu erleben, die da in der Luft liegt. Das macht einfach Spaß. Das Ziel ist natürlich auch, raus aus den Silos zu gehen und Menschen zusammenzubringen. Der digitale Wandel kann nur gemeinsam passieren, in Netzwerken und Communitys innerhalb des Unternehmens. Wir durchbrechen jetzt die Silos und lassen cross-funktionale und cross-organisationale Teams entstehen. Neulich hatten wir einmal ein besonderes Barcamp, bei dem sich Mitarbeiter vollkommen selbst organisierten und in Teams zusammenfanden, um ihre Ideen weiterzuentwickeln. Die Besonderheit war, dass das später dann vor einer Jury gepitcht wurde, nach dem Vorbild von ›Die Höhle der Löwen‹. Das Ziel war es, dass jede gute Projekt-Idee im Unternehmen einen Sponsor findet. Wir wussten selbst nicht, was dabei herauskommen würde. Ich glaube, bei drei von fünf Ideen stand ein Sponsor sofort auf uns sicherte Unterstützung zu. Alle freuten sich, einmal Raum für ihre Ideen zu haben und so viel Zuspruch zu bekommen. Das war schon wirklich toll.«

Gibt es da noch andere Beispiele? »Ja. Um die Arbeitgebermarke voranzubringen, haben wir auch schon einige Hackathons veranstaltet«, berichtet Martin. »Studenten und Young Professionals, die sich vorher größtenteils nicht kannten, kamen zusammen, um 24 Stunden lang an der Lösung eines Problems zu arbeiten. Und die präsentierten dann nach 24 Stunden eine Lösung, die uns vom Hocker gerissen hat.« Das finde ich super! Solche Gänsehaut-Momente sind extrem wichtig. Anschließend sind die Menschen zwar erschöpft, bekommen aber gleichzeitig auch neue Energie. Ähnlich wie beim Bergsteigen. Jetzt kann ich mir allerdings auch Leser und Leserinnen vorstellen, die sagen: 

René Esteban (Autor von “Do Epic Stuff!“) und Martin Stork im »Speicher 7« in Mannheim

“Wenn ich es schaffe, Leute zu inspirieren und von einer Sache zu überzeugen, dann dreht es sich nicht mehr nur um FTEs auf dem Papier. Das fliegt von alleine.”

Klingt ja alles toll und ganz einfach. Aber meine Situation ist komplett anders. Ich habe ein riesen Projekt vor der Nase und bekomme nur sieben FTEs dafür. Brauchen würde ich aber mindestens 50 Vollzeit-Äquivalente an Workforce. Wie soll ich das bitteschön hinbekommen? Am besten nehme ich dieses Mandat gar nicht erst an.

»Da muss man auch einfach mal mutig sein und neue Wege gehen«, sagt Martin dazu. »Das Potenzial ist in einer großen Organisation eigentlich immer da. Ich glaube, viele Organisationen wissen gar nicht, welche Fähigkeiten sie in den eigenen Reihen haben. Um dieses Potenzial nutzen zu können, sollten alle damit aufhören, in ihrem eigenen Silo zu denken. Stattdessen einfach mal schauen, wer Lust auf was hat. Das führt dazu, dass Leute mit intrinsischer Motivation an die Themen herangehen. Sie haben einfach Bock darauf, sich bei einem Thema einzubringen, und sie schaffen es dann auch irgendwie, einen Teil ihrer Arbeitszeit dafür aufzuwenden. Ganz egal, an wen sie jeweils berichten. Ich glaube, man muss anfangen, das sichtbarer zu machen. Das heißt, man sollte den Leuten eine Bühne geben und ihnen die Möglichkeit verschaffen, zusammenzukommen und gemeinsam an einem Thema zu arbeiten. Das alles jenseits der Frage, wie viel FTE jemand auf dem Papier zur Verfügung hat. Wenn ich es schaffe, Leute zu inspirieren und einfach davon zu überzeugen, dass etwas eine gute Sache ist, dann fliegt ein Vorhaben von alleine.«

“Wenn dir die Leute abnehmen, was du gerade von dir gibst, und sie spüren, dass du wirklich voll dahinterstehst, dann kann das Berge versetzen.”

Selbstorganisation ist heute einfach das A und O, wenn es um Teams geht. Das hat sich für mich in diesem Gespräch einmal mehr bestätigt. Gleichzeitig braucht es eigentlich immer einen, der vorangeht und die Menschen inspiriert und motiviert. Von Martin möchte ich deshalb abschließend noch gerne wissen, was sein ganz persönlicher Ansatz ist, um Menschen zu inspirieren. »Für mich ist es immens wichtig, selbst inspiriert zu sein«, sagt er, »und mich inspiriert am meisten zu erleben, was Menschen gemeinsam schaffen können, wenn sie die Chance dazu bekommen. Deswegen glaube ich auch, dass es eine der Aufgaben einer Führungskraft ist, dafür die nötigen Freiräume zu schaffen. Letzten Endes inspirierst du dann als Leader durch deine Authentizität. Wenn dir die Leute abnehmen, was du gerade von dir gibst, und sie spüren, dass du wirklich voll dahinterstehst, dann kann das Berge versetzen. Hinzu kommen Vertrauen und Empowerment. Du vertraust Menschen und traust ihnen zu, dass sie tatsächlich etwas bewirken können. Wenn Menschen wissen, wofür sie etwas tun, werden sie ihre vollen Potentiale entfalten.«

Über das Buch

Das Interview ist ein Textauszug aus dem Buch „DO EPIC STUFF! – Führung nach dem Ende des Change-Management“,  erschienen bei Campus Verlag. Transformationsexperte René Esteban erklärt zusammen mit Top-Gestaltern der heutigen Unternehmenswelt, wie man gemeinsam große Ziele erreicht. Mehr über das Buch erfahren und direkt bestellen.

Über den Autor

René Esteban ist Gründer und Geschäftsführer des Beratungsunternehmens FocusFirst GmbH. Mit seinem Team unterstützt er Führungskräfte im globalen Konzernumfeld, ihre herausforderndsten Ziele zu erreichen – und gleichzeitig die Unternehmenskultur hin zu mehr Empathie und Menschlichkeit zu entwickeln.

 

Verantwortlich für den inhalt dieser Seite

FocusFirst GmbH
René Esteban
Founder, CEO

www.focus-first.de