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Was davor bereits ein offenes Geheimnis war, bringt spätestens das Coronavirus ans Licht: Deutschland hat an vielen Stellen Nachholbedarf, wenn es um Digitalisierung geht. Warum Fokussieren für CDOs und andere Pioniere essentiell ist, um ein Unternehmen zu digitalisieren, beleuchtet der Artikel. Denn nur wer genau weiß, wo er hinmöchte, kann auch dort ankommen.

Hat Deutschland den Anschluss bei der Digitalisierung verpasst? Vieles deutet darauf hin und Studien dazu gibt es unzählige. Auch schon vor Corona war das längst in den Führungsetagen großer Konzerne angekommen. Über 58 Prozent der Geschäftsführer und Vorstände geben an, dass ihr Unternehmen bei der Digitalisierung noch ein Nachzügler sei, drei Prozent meinen sogar, den Anschluss ganz verpasst zu haben. Nur jedes dritte Unternehmen hält sich für einen Digitalisierungs-Vorreiter. Zu diesem Ergebnis kommt eine repräsentative Umfrage von 502 Unternehmen ab 20 Mitarbeitern im Auftrag des Digitalverbands Bitkom. Auch der Digitale Job-Monitor des „Handelsblatt“ ist alarmierend: „Der Wandel zur Industrie 4.0 ist knapp ein Jahrzehnt nach Einführung des Konzepts in den meisten Unternehmen nicht über die Ebene von Einzelprojekten hinausgekommen“, so der aktuelle Befund. Die Folge: Die Nachfrage nach Digital-Spezialisten bricht ein.

Digitalisierung – die große Unbekannte

Bei FocusFirst unterstützen wir viele digitale Pioniere in namhaften Unternehmen. Es sind oft großartige Strategen mit guten Ideen. Es liegt nicht an den Strategien. Es liegt am Fokus. Durch den Druck „Unser Unternehmen könnte die Digitalisierung verpassen“, verfallen viele Unternehmen in eine Starre, in eine Ohnmacht. In den meisten Fällen fängt der „De-focus“ am Anfang an – bei der Mandatserteilung durch den Vorstand oder Aufsichtsrat – da heißt es manchmal einfach nur lapidar „Mach uns digital“ – drei Worte. Sie wissen zwar nicht, was das bedeutet und wie der Weg aussehen soll, aber das ist ihnen auch egal. Und dann zieht der Chief of Digital (CDO) los.

Veränderung von Prozessen, Objekten und Ereignissen

Meiner Meinung nach werden CDOs oft allein gelassen und brauchen ein hohes Maß an Selbstdisziplin, um den Fokus auf das zu richten, was jetzt als Erstes zu tun ist. Digital kann so ziemlich alles und nichts sein.

Denn obwohl das Digitale, die Digitalisierung in nahezu allen unseren Lebens- und Arbeitsbereichen eine große Rolle spielt, ist es für viele noch immer die große Unbekannte. Für manche ist die Digitalisierung ein Jobwunder, das möglicherweise sogar neue Arbeitsplätze schafft, während sie für andere ein Jobkiller ist, der manche Stellen überflüssig macht. Für IT-Profis ist die Digitalisierung immer mit der Implementierung und Wartung neuer Systeme verbunden.

Wird lediglich der Begriff der Digitalisierung betrachtet, so bezeichnet er im Allgemeinen die Veränderungen von Prozessen, Objekten, Verhalten, Mindset und Ereignissen, die durch eine zunehmende Nutzung von digitalen Geräten erfolgt. Das wissen aber die wenigstens Konzernlenker, die darum bitten, das Unternehmen nun endlich einmal digital zu machen. Was sie dabei ganz schnell aus den Augen verlieren, ist das Ziel.

Was ist das konkrete Ziel?

Ist das Ziel nicht eindeutig definiert, bleibt oft auch der Weg nur schemenhaft. Eins ist allerdings klar: So wie heute geht es nicht mehr. Und genau das ist das große Problem in Deutschland mit dem Thema Digitalisierung. Viele wissen, was sie nicht mehr wollen. Wenige wissen, was sie konkret wollen. 

Für die Klarheit des Ziels wird sich nicht viel Zeit genommen. Das ist nicht wirklich mit Erfolg gekrönt. Es wäre so als würde der Suchende bei Google Maps anstatt des Ziels lediglich das Stichwort „Bloß weg von hier“ eingeben. Sie kommen zwar weg, allerdings mit 1000-prozentiger Sicherheit nicht dorthin wo sie hin wollen. Und weil das nicht klar ist, fokussieren sich die Führungskräfte wie auch die Mitarbeiter nicht auf das große Ziel. Da es schlicht und einfach nicht existiert. 

Bei der Allianz in München habe ich Kai Czeschlik getroffen, zu diesem Zeitpunkt noch Chief Digital Officer. Er ist zum Versicherungskonzern gekommen, um dort das große Ziel anzupacken, den Konzern “Ende zu Ende zu digitalisieren”, wie er sagt. Ein Ziel, das nur mit einem erreicht werden kann: dem Fokus. Wie also gelang ihm das?

Das große, gemeinsame Ziel nicht aus dem Blick verlieren

„Wenn ich die Allianz mit Amazon vergleiche, dann ist das schrecklich unfair, weil Allianz 130 Jahre alt und Amazon mit Beginn der Digitalisierung entstanden ist. Wenn ich aber trotzdem vergleiche, dann fällt mir als Erstes auf, dass bei Amazon die gesamte Company mehr oder wenig ein einziges Ziel verfolgt.“ Die obersten Ziele dort sind Kundenzufriedenheit und Loyalität. Dafür steht das Unternehmen. „Unabhängig davon ist es allerdings sicherlich der Wert der Shares, also der Unternehmenswert. Davon profitiert jeder Mitarbeiter gleichermaßen.“ Das einfache, klare und verständliche Ziel für alle Mitarbeiter ist letztlich der Aktienkurs.

Wir müssen uns neu erfinden

Im Vergleich dazu sei die Allianz sehr vertikal: ausgeprägte und täglich gelebte Hierarchie, hohe Arbeitsteiligkeit, viele Vorstände. „Ich werte das nicht, es ist einfach so. In solch einem Umfeld hast du konzernweit per se schon unterschiedliche Ziele“. Wie schaffte er es in diesem Umfeld alles ‚von Ende zu Ende‘ digital zu machen? „Wenn das überhaupt funktionieren soll, dann ist Stakeholder-Management das A und O. Ich verbringe hier tatsächlich einen großen Teil meiner Zeit mit Überzeugungsarbeit. Erst mal erkennen wir an, wie erfolgreich eine Company schon ist, die jedes Jahr elf Milliarden Euro Gewinn macht. Aber dann erzählen wir eben unsere Story. Und die lautet, dass wir uns neu erfinden müssen. Denn wir leben in einem Zeitalter, in dem alle Entwicklungen so rasend schnell weitergehend, dass nichts mehr mit dem vergleichbar ist, was wir in den vergangenen 15, 20 Jahren hatten“, sagt Czeschlik.

Die Allianz ist heute längst einer der Vorreiter im Bereich der Digitalisierung. Bereits 2014 hat der Versicherer 100 Millionen Euro in den Aufbau der IT-Infrastruktur und die Entwicklung einer speziellen Kfz-Versicherung für den Online-Vertrieb. Mittlerweile dürfte sich die Investitionssumme mindestens verdoppelt haben.

Wie aber hat es nun Kai Czeschlik geschafft, sich auf das große Ziel „Digitalisierung“ zu fokussieren? „Der Fokus ist der Kunde und wie er und in Zukunft wahrnimmt und mit uns interagiert. Die Allianz weiß im Grunde schon sehr genau, wo sie hinwill, das ist das Positive.“ Czeschlik hat sich auf ein großes Thema fokussiert und es dann in kleine umsetzbare Schritte aufgeteilt. Dabei ist es wichtig, klein anzufangen, agil und in Sprints, und dann Erfolge zu produzieren und diese auch immer der Welt draußen zu zeigen und zu erklären, um die vorhandene Skepsis sukzessive abzubauen.

So fahren wir nicht in den Graben

Konkret heißt das: Sobald das Ziel konkret definiert ist, können auch die richtigen Optionen generiert und selektiert werden. Wie bei einem Navigationssystem eben: Nun kann die Route berechnet werden. Kommen wir immer pünktlich an? Nein, allerdings mit einer Toleranz von bis zu zehn Prozent klappt es doch ziemlich sicher. Viel wichtiger allerdings: Wir kommen heil und gesund an unser Ziel. Und fahren nicht in den Graben. 

  

Über das Buch

„DO EPIC STUFF! – Führung nach dem Ende des Change-Management“,  erschienen beim Campus Verlag. Fokussierungsexperte René Esteban erklärt zusammen mit Top-Gestaltern der heutigen Unternehmenswelt, wie man gemeinsam große Ziele erreicht. Mehr über das Buch erfahren und direkt bestellen.

Über den Autor

René Esteban ist Gründer und Geschäftsführer des Beratungsunternehmens FocusFirst GmbH. Mit seinem Team unterstützt er Führungskräfte im globalen Konzernumfeld, ihre herausforderndsten Ziele zu erreichen – und gleichzeitig die Unternehmenskultur hin zu mehr Empathie und Menschlichkeit zu entwickeln.

 

Verantwortlich für den inhalt dieser Seite

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René Esteban
Founder, CEO

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