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Für David Jeans, ehemaliges Mitglied der Geschäftsleitung eines internationalen Unternehmens der Merck-Gruppe, bilden geteilte Werte und ein gemeinsames Mindset die Basis für Epic Stuff. Getreu dem Motto „ich bin, weil wir sind“ gilt es, sich zuerst als Team gegenseitig wirklich zu verstehen und mit gemeinsamen Werten die Reise anzutreten.

Alle in meinem beruflichen Netzwerk, die in den vergangenen Jahren epische Sachen angestellt haben, arbeiten mit Sinn, Wertschätzung und Gemeinsamkeit. Auch der Südafrikaner David Jeans, mit dem ich mich für dieses Buch getroffen habe, um mit ihm über seinen Erfahrungen zu sprechen. David ist ehemaliges Mitglied der Geschäftsleitung eines internationalen Unternehmens der Merck-Gruppe und bezeichnet sich selbst als einen MUG – die Abkürzung steht für Modest Unassuming Gentleman. Daran merkst du schon: Niemand muss ein extravertierter Tschakka-Manager sein und wilde Tänze aufführen, um sein Team zu Spitzenleistungen zu motivieren. Es zählen ganz andere Dinge. Welche, erzählt David am besten selbst.

David Jeans treffe ich an einem herrlichen Frühlingstag im Restaurant »Hammermühle« in der Nähe von Darmstadt. Da es bereits warm genug ist, setzen wir uns nach draußen und bestellen uns erst einmal zwei Kaffee. Die Sonne scheint uns ins Gesicht und die Vögel zwitschern. Wir sind umgeben von alten, liebevoll restaurierten Fachwerkhäusern. Ich kann es nicht lassen und stehe noch einmal auf, um mit dem iPhone ein paar Fotos zu machen. Dann fangen wir an uns auszutauschen. David zeigt sein einzigartiges, freudestrahlendes Lächeln. Sonnenschein, eine schöne Umgebung, guter Kaffee und die Aussicht auf ein anregendes Gespräch sind völlig ausreichend, um ihn glücklich zu machen. Mehr braucht er gerade nicht. Als ich wieder am Tisch sitze, komme ich gleich auf das Thema »episches Zeug« zu sprechen: dass wir alle dazu geboren sind, etwas Großes zu erschaffen. Und nicht dazu, uns 80 Jahre lang durchs Leben zu schleppen und durchschnittliche Dinge zu tun. Und dass ich dabei auch an Davids Karriere bei Merck denke. In meinen Augen hat David schon richtig epische Sachen gemacht. Wie hat er das hinbekommen?

“Wenn ich meine Werte lebe, ziehe ich automatisch Menschen an, die diese Werte teilen und mit denen ich wirklich etwas erreichen kann.”

David bleibt erst einmal ganz der bescheidene Gentleman. »Vielleicht«, hebt er in reinstem Understatement an, »erzähle ich dir erst einmal etwas über meine Prinzipien und Werte. Wie ich die Dinge sehe und woran ich glaube. Für mich hängt letzten Endes immer alles an Wertesystemen. Entscheidend ist das gemeinsame Mindset bei Menschen, mit denen du arbeitest, ja überhaupt bei den Menschen, mit denen du dich umgibst.« Ich nicke. Dem kann ich nur zustimmen. Unsere Werte und Glaubenssätze sind stets das Fundament, auf dem unser zukünftiger Erfolg entsteht. Insbesondere die Werte und Überzeugungen der Menschen, mit denen wir uns täglich umgeben, beeinflussen entscheidend, ob wir große Ziele erreichen oder nicht. »Meine drei wichtigsten Werte sind Authentizität, Integrität und Respekt«, erklärt David. »Im Business geht es letztlich immer um Menschen, nicht mehr, nicht weniger. So lange ich mich an diese drei Werte halte, kann ich mit Menschen wirklich weiterkommen. Das ist das Wichtigste, was ich auf meinem bisherigen Weg gelernt habe. Wir leben nicht in einer idealen Welt, aber wenn du die Prinzipien lebst, an die du wirklich glaubst, dann ziehst du automatisch die richtigen Menschen an. Eigentlich gibt es kein Richtig oder Falsch. Doch ich möchte meine Energie darauf konzentrieren, mit solchen Menschen etwas zu erreichen, die meine Werte teilen.«

“Das afrikanische Wort “Ubuntu” bringt Teamwork auf den Punkt: Kein Einzelner ist wichtiger als das Team, das auf ein Ziel hinarbeitet.”

Alles ist möglich, wenn »die Pfeile in die richtige Richtung zeigen« – dieses Bild gibt mir David jetzt. Er betont, wie wichtig der Anfang sei, wenn wir gemeinsam mit anderen etwas bewegen wollen: Verstehen wir einander? Teilen wir die wichtigsten Werte? Stimmt die Basis? Wenn du Episches schaffen willst, brauchst du gleich am Anfang einen positiven Schub und eben diese synchrone innere Ausrichtung bei allen. Davon ist David ebenso überzeugt wie ich. »Versuche als Erstes zu verstehen«, hat Stephen Covey einmal geschrieben. »Daran glaube ich auch«, bekräftigt David. »Wenn du zunächst einmal verstehst, wo die Menschen herkommen, dann zeigst du Respekt. Danach gib ihnen viel Zeit, um langsam auch andere Perspektiven zu erkennen und zu akzeptieren. Wir lernen alle ständig voneinander. Niemand ist im Besitz der ganzen Wahrheit. Aus dieser Haltung heraus entsteht das nötige Vertrauen. Ergibt das für dich Sinn?« Absolut. Eine der größten Stärken, die David als Manager hat, scheint es zu sein, Menschen an Bord zu holen und in kurzer Zeit einen positiven, gemeinsamen Spirit zu erzeugen. Als ich mehr darüber erfahren will, fällt David als Erstes seine südafrikanische Herkunft ein: »Bei uns in Afrika gibt es das Wort Ubuntu. Wörtlich übersetzt bedeutet das: Ich bin, weil wir sind. Das bringt auf den Punkt, worum es in Teams geht: Kein Einzelner ist wichtiger als das Team als Ganzes, das auf ein Ziel hinarbeitet. Ich glaube also an Ubuntu – auch wegen meiner afrikanischen Wurzeln.«

Die Menschen mitnehmen, um gemeinsam große Ziele zu erreichen – darum geht es letztlich immer in Unternehmen. In guten Zeiten klingt das easy, obwohl es selbst in guten Zeiten nicht einfach ist. Doch was geschieht in schwierigen Zeiten? David erlebte bei Merck eine Situation, in der sein Team mit den Verkaufszahlen plötzlich weit hinten lag. Der Markt war eingebrochen, aus einer Reihe von Gründen, auf die Merck keinen Einfluss hatte. David bekam Druck von ganz oben: Der Konzernvorstand erwartete schnellstmöglich den Turnaround. Was hat David da gemacht?

»Zunächst solltest du wissen,« erzählt er, »dass wir in unserem Team keine Leute sind, die top-down funktionieren. Also haben alle im Team erst einmal ein Warum gebraucht. Warum sich die nächste Zeit außergewöhnlich anstrengen, um wieder mehr Geld zu verdienen? Unsere Antwort war: Weil wir es unseren Kunden schulden! Wir sind für unsere Kunden da, für niemanden sonst, und wollen für sie jetzt wieder unser Bestes geben. Als das Warum klar war, haben wir Meilensteine definiert, Maßnahmen, Verantwortlichkeiten. Als Nächstes war wichtig, alle einzubeziehen: Operations, IT, internes Procurement und so weiter. Alle waren schließlich gleichberechtigt mit an Bord! Also, das Ziel war allen klar, und dann gab es monatliche Meilensteine, Feedbacks, Team-Meetings, immer mit dem großen Ziel vor Augen.«

René Esteban (Autor von “Do Epic Stuff!“) und David Jeans im Restaurant »Hammermühle«

Für den Zeitpunkt, zu dem das große Ziel erreicht sein sollte, hatte sich David für sein Team noch etwas Spektakuläres ausgedacht: eine gemeinsame Reise zu den Viktoriafällen. Das klingt für einen Europäer wie mich, der schon viel von der Welt gesehen hat, erst mal gar nicht so spektakulär. Doch David macht mir klar, dass in seinem damaligen Team aus Südafrikanern fast niemand jemals im Ausland gewesen war. Die meisten besaßen nicht einmal einen Reisepass! Die Viktoriafälle, etwa 1.200 Kilometer oder knapp zwei Flugstunden von Johannesburg entfernt in Simbabwe gelegen, gelten als afrikanisches Weltwunder. Es ist ein Lebenstraum vieler Südafrikaner, dieses gigantische Naturschauspiel einmal live zu erleben. »Den meisten im Team stand die Reise ihres Lebens bevor«, berichtet David. »Je näher das Ziel rückte, desto mehr Momentum baute sich auf. Wir nutzten die Vorfreude, die Energie, um auf der Zielgraden noch einmal Vollgas zu geben. Die Viktoriafälle waren die Karotte, klar. Aber das Warum und die intrinsische Motivation hatten wir ja auch. Du hättest erleben sollen, was los war, als wir das Ziel erreicht hatten! Erst einmal haben wir alle im Team dabei unterstützt, überhaupt an einen Reisepass zu kommen. Dann haben wir ein eigenes Flugzeug gechartert! Am Reisetag hatten wir dann blaue T-Shirts an, die wir eigens für den Anlass designt hatten. Am Flughafen haben uns die Leute angestarrt: 100 überglückliche Menschen in blauen T-Shirts auf dem Weg zu ihrer eigenen Chartermaschine! Als das Flugzeug abhob, riefen alle zusammen lautstark Hurra! Das war nicht geplant gewesen, das kam ganz spontan. Ich kriege immer noch Gänsehaut, wenn ich daran denke.«

Als David das erzählt, bekomme ich ebenfalls Gänsehaut. Das war pure Freude, bestätigt David. Ein epischer Moment! Für rund die Hälfte der Teammitglieder war es übrigens der allererste Flug in ihrem Leben. Solche epischen Momente sind dann möglich, wenn der Anfang glückt! Immer wieder kommt David zum Anfang zurück, zu den Werten, den Überzeugungen. Der Mut, Großes zu tun, kommt für ihn aus den eigenen Überzeugungen. Gleichzeitig ist es ihm wichtig, die anfänglichen Zweifel und die Ängste der Menschen im Team ernst zu nehmen. »Am Anfang nehme ich mir immer viel Zeit, zuzuhören und zu diskutieren«, sagt David. »Du hörst den Menschen also zu und verstehst ihre Perspektive. Du spürst die Ängste und Zweifel. Gleichzeitig zeigst du ihnen deine Perspektive auf und das, was in deiner Wahrnehmung alles möglich ist. Du erkennst die Herausforderungen an. Du akzeptierst, dass am Anfang vielleicht noch nicht alle soweit sind. Aber du zeigst einen gemeinsamen Weg auf. Da ist, wenn du so willst, wieder das Ubuntu. Klar könnte niemand alleine es schaffen – doch gemeinsam können wir selbst das scheinbar Unmögliche schaffen! Die Summe der einzelnen Teile macht den Unterschied.«

Gemeinsam lassen sich die größten Ziele erreichen. Und zwar dann, wenn der Sinn klar ist, das Warum. Gleichzeitig braucht es Menschen wie David, die authentisch sind und mit der Kraft ihrer Überzeugungen vorangehen. Diese neue Leader-Typen wie David sind nicht von Ängsten und Zweifeln geplagt. Sie halten sich aber auch nicht für etwas Besseres als alle anderen im Team. Sie wissen, dass ihre Perspektive eine von vielen möglichen ist. Und doch sehen sie früher als die anderen, wo die gemeinsame Reise hingehen kann. Sie sehen, was möglich ist. Sie haben einen starken Glauben, dass große Ziele erreichbar sind. Genau wie David ist ihnen Respekt extrem wichtig. Sie wollen niemanden zu etwas zwingen. Aber sie haben den Willen und die Fähigkeit, Menschen zuzuhören, sie ins Boot zu holen und sie schließlich auf ein gemeinsames Ziel hin auszurichten. Sie gehen den Weg als Erste!

Über das Buch

Das Interview ist ein Textauszug aus dem Buch „DO EPIC STUFF! – Führung nach dem Ende des Change-Management“,  erschienen bei Campus Verlag. Transformationsexperte René Esteban erklärt zusammen mit Top-Gestaltern der heutigen Unternehmenswelt, wie man gemeinsam große Ziele erreicht. Mehr über das Buch erfahren und direkt bestellen.

Über den Autor

René Esteban ist Gründer und Geschäftsführer des Beratungsunternehmens FocusFirst GmbH. Mit seinem Team unterstützt er Führungskräfte im globalen Konzernumfeld, ihre herausforderndsten Ziele zu erreichen – und gleichzeitig die Unternehmenskultur hin zu mehr Empathie und Menschlichkeit zu entwickeln.

 

Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite

FocusFirst GmbH
René Esteban
Founder, CEO

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