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Um Verantwortung für Ziele zu übernehmen, empfiehlt Ludwig Askemper, Geschäftsführer von Mondelez Austria, dem Wort die lähmende Schwere zu nehmen. Statt immer wieder zu betonen, dass Ziele erreicht werden „müssen“, wollen Teams auch mit der Perspektive nach vorne motiviert werden. Gerade in schwierigen Zeiten lohnt sich daher schon der Blick auf den künftigen Erfolg.

Manche Pläne gehen auf und andere nicht: Mein ursprünglicher Plan war, nach Wien zu fliegen und dort Ludwig Askemper, den Geschäftsführer von Mondelez Austria, zum Gespräch zu treffen. Unsere Terminkalender haben es nicht ganz erlaubt, deshalb skypen wir jetzt an einem Samstag. Und es hat durchaus etwas mit dem Thema Verantwortung zu tun, dass wir gesagt haben: Okay, unser Plan A scheint auf absehbare Zeit nicht zu funktionieren. Deshalb entscheiden wir uns jetzt lieber für Plan B und machen das Gespräch per Skype, als es auf die lange Bank zu schieben oder gar darauf zu verzichten. 

Letzteres wollte ich auf keinen Fall! Ich freue mich riesig, dass Ludwig sich am Wochenende die Zeit für das Gespräch nimmt. Mondelez ist ein Global Player und mit Marken wie Milka, Oreo oder Cadbury buchstäblich in aller Munde. In das Unternehmen kam Ludwig – der übrigens in einer Großfamilie auf einem Bauernhof aufgewachsen ist, wie er mir erzählt – in einer schwierigen Situation als Sanierer zurück. Und das zu einem Zeitpunkt, als er sich eigentlich schon aus der Konzernwelt zurückziehen wollte, um sich anderen Interessen zu widmen. Ich möchte als Erstes von ihm wissen, wie es kam, dass er dann doch noch einmal Verantwortung übernommen hat. Wenn von einem Leader ein Turnaround erwartet wird, verspricht das ja nicht gerade ein Spaziergang zu werden. 

»Ich bekam einen Anruf von meinem alten Vorgesetzten, der mich um Hilfe bat«, erzählt Ludwig. »Ich hatte immer gerne mit ihm zusammengearbeitet und verdanke ihm viel. Das ist einer der Hauptgründe, warum ich nach kurzer Zeit sagte: Ja, ich mache das. Ich übernehme Verantwortung – auch und gerade in einer herausfordernden Situation. An anderen Stellen hatte ich vorher schon mehrmals einen Turnaround geschafft. Nicht als der typische, harte Sanierer, sondern mit der Art und Weise, wie ich mit Teams umgehe und sie hinter einer Idee vereine. Hinzu kam, dass Süßwaren nun einmal eine große Tradition haben. Viele haben ihr Herz daran verloren und auch für mich war das ein Motiv, Verantwortung zu übernehmen. Schließlich wusste ich, dass es wirklich um die Sache ging und nicht um eine Machtdemonstration oder eine Notverwaltung. Andernfalls hätte ich es nicht gemacht. Was mir sicher half, mir den Turnaround auch vorzustellen, war meine Erfahrung im Vertrieb. Viele Leader haben ja nicht so die Nähe zum Vertrieb und kennen sich da handwerklich wenig aus. Ich bin sicher einer der wenigen auf einer solchen Position, die am Anfang ihrer Karriere jahrelang von Shop zu Shop gefahren sind und Produkte verkauft haben. Ich wusste, dass mir das zugutekommen würde.«

“Es ist dieses vorausschauende Zurückblicken – jetzt schon daran zu denken, wie es einmal sein wird, wenn ich es geschafft habe.”

Diese Geschichte gefällt mir sehr gut. Ich hake noch einmal nach und möchte zu drei Punkten mehr erfahren. Die erste Frage lautet: Wie genau übernimmt Ludwig Verantwortung? Die zweite: Warum ist das wichtig für ihn und worin besteht für ihn persönlich die Belohnung? Die dritte Frage ergibt sich daraus: Wie schafft er es, dass auch andere Verantwortung übernehmen? »Es ist für mich einfach ein Glücksgefühl, anderen Menschen helfen zu können, wieder in die Spur zu kommen, wenn es gerade nicht so gut läuft. Umso mehr, wenn die Herausforderung so groß ist, dass es zu einer Once-in-a-Lifetime-Erfahrung wird, so wie jetzt hier in Wien. Ich stelle mir oft vor, dass ich die Menschen um mich herum Jahre später wiedertreffe und sie dann sagen: »Weißt du noch, damals …« Es ist dieses vorausschauende Zurückblicken – jetzt schon daran zu denken, wie es einmal sein wird, wenn ich es geschafft habe –, das sich für mich heute schon nach Victory anfühlt.« Mit dem letzten Punkt kann ich mich besonders stark identifizieren! Die Vorwegnahme der Zukunft nimmt in diesem Buch nicht umsonst breiten Raum ein. Und wie steht es mit der Verantwortung bei anderen?

»Dazu möchte ich etwas ausholen. Gerade in schwierigen Situationen, wenn es Richtung Turnaround geht, bestätigt sich mir im Hinblick auf die Menschen immer wieder die 20-60-20-Regel: 20 Prozent verstehen sofort, was ansteht, und rufen Hurra! Auf der anderen Seite sind da 20 Prozent, die es verstehen, es aber nicht wollen und teilweise auch nicht können. Es geht denen nicht um die Verantwortung für das Ganze, sondern um ihr eigenes kurzfristiges Interesse. Und dann gibt es den großen Block der 60 Prozent, die erst einmal abwarten, was passiert. Mein Ansatz war immer zu versuchen, so viele Leute wie möglich – und vor allem die richtigen Leute – auf die Seite der ersten 20 Prozent zu ziehen. 

Ludwig Askemper

Es geht mir letztendlich darum, unternehmerische Begeisterung zu wecken. Die Menschen sollen einfach Spaß daran haben, Geschäft zu machen. Wenn das der Fall ist, dann übernehmen sie auch gerne Verantwortung. Doch wie gesagt, es gibt auch welche, die den Turnaround verhindern wollen. Obwohl das ja eigentlich unverständlich ist. Die bekämpfe ich aber nicht, sondern ich versuche lieber, bei denen, die wollen, den sportlichen Ehrgeiz zu wecken. Es geht darum, irgendwann sagen zu können: Wow, das war ein ordentlicher Berg, aber wir haben es geschafft! Und nicht nur das: Wir wollen bereits auf dem Weg gemeinsam eine tolle Lebenszeit haben und im Team spannende Momente erleben. Man kann die Arbeitstage für sich und andere schon sehr spannend gestalten. Und zwar so, dass es einfach eine Freude ist, zur Arbeit zu kommen.«

“Sobald Begeisterung ins Spiel kommt, ist die Schwere weg, die das Wort ›Verantwortung‹ oft mit sich bringt.”

Begeisterung und Freude verbinden viele wohl nicht unbedingt als Erstes mit schwierigen Situationen oder gar mit einem Turnaround. Mir gefällt, dass Begeisterung für Ludwig gerade in schwierigen Situationen der Schlüssel ist, um die Wende zu schaffen! Das heißt doch: Je größer meine Freude ist, desto lieber übernehme ich Verantwortung. »Dabei würde ich das Wort ›Verantwortung‹ nicht zu hoch hängen und vor allem nicht ständig im Munde führen«, ergänzt Ludwig nachdenklich. »›Verantwortung‹ hieß in einem Unternehmen, in dem ich lange Zeit war, eines von fünf Prinzipien – und das ist mir dann wieder schon viel zu viel. › Verantwortung‹ ist ein großes Wort. Es sollte nicht diese Schwere haben und es darf nichts Belastendes daran sein. Klar übernehme ich Verantwortung und natürlich muss ich Sachen aus dem Weg räumen. Aber danach ist es doch viel schöner, an die Perspektive zu denken, das Excitement dahinter, die Reise, die einem bevorsteht. Sobald Begeisterung ins Spiel kommt, ist die Schwere weg, die das Wort ›Verantwortung‹ oft mit sich bringt.« Also besser nicht ständig von »Verantwortung« reden, sondern bewusst Verantwortung übernehmen – und sich danach darauf konzentrieren, mit Begeisterung und Freude am großen Ziel zu arbeiten. Das halte ich für eine sehr wertvolle Botschaft an dieser Stelle.

Über das Buch

Das Interview ist ein Textauszug aus dem Buch „DO EPIC STUFF! – Führung nach dem Ende des Change-Management“,  erschienen bei Campus Verlag. Transformationsexperte René Esteban erklärt zusammen mit Top-Gestaltern der heutigen Unternehmenswelt, wie man gemeinsam große Ziele erreicht. Mehr über das Buch erfahren und direkt bestellen.

Über den Autor

René Esteban ist Gründer und Geschäftsführer des Beratungsunternehmens FocusFirst GmbH. Mit seinem Team unterstützt er Führungskräfte im globalen Konzernumfeld, ihre herausforderndsten Ziele zu erreichen – und gleichzeitig die Unternehmenskultur hin zu mehr Empathie und Menschlichkeit zu entwickeln.

 

Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite

FocusFirst GmbH
René Esteban
Founder, CEO

www.focus-first.de